Digitales Lesen
Ich mag diese komischen elektronischen Reader nicht. Die haben keine haptischen Qualitäten mehr. Wem es nur rein oberflächlich um den Inhalt geht, der mag sich so ein totes Ding kaufen. Der ist auch so kulturlos und wirft ein Buch ins Altpapier, wenn er es ausgelesen hat, ohne seinen wahren Wert zu erkennen.
Ich aber vermisse bei diesen Dingern den Geruch von Druckerschwärze, Leim und frischem Papier. Das Spüren und Riechen eines edlen, vielleicht sogar ledernen Umschlags, der sich beim Lesen in die Hand schmiegt, fehlt den Bitmaschinen ebenso, wie das klassische Lesebändchen, das man beim Schmökern gedankenverloren mit sanftem Druck durch die Finger gleiten lassen kann und welches dadurch wie der Ariadnefaden zur Realität wirkt.
Und wo ist der bunt bedruckte Schutzumschlag, der mich schon bei geschlossenem Deckel in das Buch ziehen möchte und sich gleichzeitig wie eine schützende Haut um das kostbare Druckwerk legt? Kann ein Roboter ein aufwändig produziertes und vielleicht sogar mit Wasserzeichen und exklusiven Grafiken verziertes Vorsatzpapier simulieren? Optisch vielleicht. Aber niemals erfühl- und real erlebbar.
Man kann an einem elektronischen Gerät nur noch die kühle Schwere des Materials, aber nicht mehr die Qualität des Bedruckstoffes fühlen oder das Gewicht des Schmökers erleben. Man kann keine Seiten mehr mit den Fingern umblättern und man kann nicht mehr ertasten, ob das Papier eher die strukturierte Oberfläche eines Bütten- oder die glatte Geschmeidigkeit eines Kunstdruckpapiers hat. Auch kann man nicht mehr sehen und instinktiv erfassen, ob das Buch im Offset- oder im Hochdruck produziert wurde.
Ein Lesecomputer hat natürlich den Vorteil, dass man auf ihm den Leseeindruck auch mit bewegten Bildern unterstützen könnte. Aber ist das wirklich ein Mehrwert? Eine einzelne, unbewegte Illustration mag noch als Stütze der Phantasie gelten. Ein Film geht wesentlich weiter. Er gibt dem Betrachter mehr als nur eine Hilfe. Er nimmt die Bilder, die sich eigentlich beim Lesen vor dem geistigen Auge formen sollen vorweg und schafft auf diese Weise einen vorgefertigten Rahmen für die Phantasie, die sich dann nicht mehr ungehindert entfalten kann. Bücher leben von der Fähigkeit des Autors, Bilder in den Kopf des Lesers zu projizieren, die dieser wiederum mit seinen eigenen Vorstellungen mischt und damit sein eigenes Universum entstehen lässt.
Mir fehlen bei den Lese-Robotern einfach die Komponenten, die den Leseeindruck mit allen Körpersinnen unterstützen. Ein Computer mag die analogen Eindrücke noch so gut imitieren und er mag auch die Fähigkeit besitzen, vorgefertigte Welten zu präsentieren. Die digitale Welt ist dennoch zu weit weg von der unmittelbaren Sinnlichkeit eines echten Buches.
Aber nicht nur dieser sinnliche Aspekt spricht für das klassische Buch und gegen den Irrsinn, alles Analoge nun zu digitalisieren. Sicher ist es praktisch, im wissenschaftlichen Bereich nicht mehr mit Dutzenden von mittelschweren bis schweren Folianten hantieren zu müssen. Keine Frage. Schließlich ist die Möglichkeit, durch Querverweise schnell auf relevante Informationen zugreifen zu können nicht ohne Vorteil. Im Bereich der Wissensvermittlung hat so ein Reader durchaus seine Berechtigung. Geht es hier doch rein intellektuell um den Inhalt. Und Platz spart so ein Ding in den Bibliotheken auch. Sogar enorm. Zumindest vordergründig. Will man in Bibliotheken sehr viele Informationen dauerhaft bereit halten ist der Platzbedarf für Serverschränke, Notstromaggregate und anderes Gedöns ebenfalls enorm.
Doch zurück zu den Readern. Welchen Vorteil habe ich als "Otto-Normal-Leser", wenn ich 1500 Romane in die Tasche stecken kann? Ich lese doch sowieso immer nur ein Buch gleichzeitig. Na gut, manchmal sind es auch zwei.
Und welchen Sinn hat es, sich mit so einem elektrischen Gerät in die Badewanne zu setzen?
Scherz beiseite. Durch die Speicherung der Informationen in digitaler Form besteht einfach die Gefahr, dass sie bei einem Ausfall des Gerätes nicht mehr lesbar sind. Strom ist eine flüchtige Energieform, die permanent verfügbar sein muss, um die Informationen dauerhaft bereit stellen zu können.
Ist der Strom weg, sind auch die Informationen weg.
Oder auf Hollywood-Deutsch: Peng, alle doof!
Jajaja, ich weiß. Man kann die Dinger wieder aufladen und schon gehts weiter. Aber was ist, wenn ich gerade in der Pampa sitze, mir geht der Strom aus und das Ladekabel liegt sicher und trocken zu Hause? Hat wohl jeder schon mal mit dem Handy erlebt. ...
Ein klassisches Buch aus Papier hält die Informationen zumindest über einige Generationen hinweg ohne größeren Aufwand fest. Man braucht kein spezielles Abspielgerät, man muss nicht dauernd Energie zuführen und man kann jederzeit und unmittelbar darauf zugreifen. Man kann ein Buch sowohl im Licht der Taschenlampe, als auch in grellem Sonnenschein lesen. Warum also Romane und sonstige belletristische Literatur digitalisieren? Außerdem machen sich edle Bücher im Regal immer noch besser, als ein seelenloses Blech- und Plastik-Kästchen.
Meine Prognose:
In ein paar Jahren wird sich die Lesekultur stark verändern, "richtige" Bücher werden als Ausdruck eines gehobenen Lebensstils nur noch zu horrenden Preisen zu haben sein, und wissenschaftliche Bibliotheken werden zu Museen umgewandelt.
Schöne neue Welt ...
Olaf Manke - Bücher, Motorrad, Kunst und mehr
