Karl May
Seid gegrüßt mein Bruder!
Die Reiseerzählungen von Karl May sollte man in dem Bewusstsein lesen, dass May in einem deutschen Staat aufgewachsen ist, dessen
monarchistische, patriotische und rassistische Grundeinstellung die Grundlage für eine gewisse Überheblichkeit darstellte. Am Deutschen Wesen sollte die Welt genesen. Mays ausländische Figuren, so
viel Menschlichkeit er auch in sie hineindichtete, und so sehr er sich auch von den Vorurteilen seiner Zeit absetzen wollte, hatten immer einen Charakterzug, der sie eine Stufe unter dem gebildeten,
sprachgewandten, intelligenten Deutschen ansiedelte. Von diesem konnten sowohl die von ihm beschriebenen "edlen" Indianer, als auch die "stolzen" Wüstensöhne noch etwas lernen.
Sicher war dies auch einer der Gründe für seinen damaligen Erfolg.
Die Menschen im aufstrebenden, jungen Deutschen Reich waren lange nicht so mobil wie wir es heute sind. Und auch die Verteilung der Finanzen sah anders aus. Der Adelsstand war bestrebt, seine
Führungsposition zu behaupten und trieb deshalb die Entwicklung von Gesetzen voran, die zu seinem Nutzen und zum Nachteil der weniger privilegierten Bevölkerungsschichten waren. Der einfache Bürger
und damit die Masse der Bevölkerung verdiente vergleichsweise wenig. Der Besuch ferner Länder war, wenn überhaupt, nur beschränkt möglich. Reiseberichte aus fremden Ländern, vermischt mit
gefährlichen Abenteuern und einer gewissen Bauchpinselei der nach Anerkennung lechzenden deutschen Volksseele mussten einfach Erfolg haben. Das hat May hervorragend erkannt und umgesetzt.
Ein weiterer Kunstgriff, den Leser an seine Geschichten zu binden, war die Entscheidung, die Romane im Laufe der Zeit immer stärker aus der Ich-Perspektive zu schreiben. Emotionale Ansprache fördert
die Identifikation mit dem Protagonisten. Man sieht die Geschichte quasi mit den Augen des Helden. Wenn die erzählende Hauptfigur dann auch noch mit dem Autor identisch zu sein scheint, verschmilzt
die schmale Kante zwischen Fiktion und Wirklichkeit, über die viele andere Autoren zwar sehen, aber selten gehen. Indem May diese Stolperkante bewusst verdeckte, weckte er im damaligen deutschen
Leser die Vorstellung, er habe tatsächlich die beschriebenen Reisen unternommen. Er schuf also bereits vor Hollywood mit den einfachen Mitteln von Stift und Wort eine perfekte Illusion und band den
Leser über einen mehr oder weniger geschickten Marketing-Trick auch emotional an seine Publikationen.
Als ich die Romane als Kind und Jugendlicher gelesen habe, wusste auch ich nicht genau, ob May jemals solche Abenteuerfahrten gemacht hatte, und ich war geneigt, zu glauben, er habe tatsächlich als
Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand den Orient und die Neue Welt bereist. Irgendwo musste er ja seine Geschichten und seine Kenntnisse der fremden Länder und der fremden Menschen herbekommen haben.
Dass er alles, ja sogar seine Sprachkenntnisse, allein aus Büchern hatte, erfuhr ich erst im Laufe späterer Jahre.
Aber was fasziniert mich heute an den vielen Zeilen des alten Sachsen, der Lehrer sein wollte, aber wegen Diebstahldelikten niemals in den Staatsdienst durfte, dann aber als geläuterter Mitbürger und
angesehener Schriftsteller zu unerhörtem Ruhm gelangte?
Karl May (eigentlich Carl Friedrich May) ist so schön zwiespältig. Auf der einen Seite ist er ein typisches Kind seiner Zeit. Er kann sich nicht frei machen vom Gedankengut und von der Sprache des
späten 19. Jahrhunderts (auch, wenn man in späteren Zeiten versucht hat, seine Worte dem aktuellen Gebrauch anzupassen). Auf der anderen Seite beweist er eine weltoffene Toleranz gegenüber
Andersartigem, die für einen Menschen seiner Zeit ungewöhnlich ist und eigentlich mehr in die Gedankenwelt unserer Gegenwart passt. Das gnadenlose Überlebens-Szenario eines Wilden Westens der 1870er
Jahre und die aufgeklärte Weltsicht eines Menschenfreunds konkurrieren miteinander ebenso, wie die überhebliche, christlich-deutschtümelnde Besserwisserei mit dem Drang, auch von den
nichtchristlichen Menschen des Orients Neues und Unbekanntes zu lernen und zu verinnerlichen.
May erzeugt heute wie damals Spannungen im Leser. Heute bewegen sich diese sicher in einem anderen Bogen, als vor 100 Jahren. Aber mit dem nötigen historischen und emotionalen Hintergrund gibt dieser
Autor seinen Lesern auch heute noch eine Unterhaltung, die nicht an der Trennlinie zwischen Druckerschwärze und Papier aufhört. Wer es versteht, seine Abenteuergeschichten auch vor dem ethnologischen
Hintergrund seiner Zeit zu lesen, wird zwischen die Zeilen tauchen und viel mehr erleben, als die Abenteuer von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi.
Hugh, ich habe gesprochen!
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