Terry Pratchetts Scheibenwelt

Warum ich Terry Pratchetts skurrile Fantasywelt mag

Fantasy-Literatur an sich ist ja nichts anderes, als die bildlich opulente Ausgestaltung märchenhafter Vorlagen. Diese wiederum sind Manifestationen von Lebenserfahrungen, die Überführung von Ängsten in leicht erfassbare Bilder und die Aufarbeitung unterbewusster Vorstellungswelten. Märchen sind so etwas wie die Übersetzung abstrakt-unbewusster Vorstellungen in eine leicht erfassbare und damit leicht zu verarbeitende Bildlichkeit.


Die Fantasy-Literatur macht sich das Phänomen zu Nutze, dass in unser aller Unterbewusstsein ganz bestimmte Urängste und Urbedürfnisse wie in einer Blaupause gespeichert sind. Diese Ängste und Bedürfnisse sind um so leichter ansprechbar, je mehr die persönliche Umwelt sich von den tatsächlichen individuellen Lebensvorstellungen und Lebensplanungen entfernt. Die Dämonen, Drachen, der Teufel, die schwarzen Magier und all die anderen bösartigen Figuren schlummern in der Tiefe der eigenen Seele und stehen stellvertretend für all das, was einem das Leben verdirbt. Gegen diese Bedrohung der eigenen Unversehrtheit muss man vorgehen. Täglich aufs Neue und immer mit der größten Wachsamkeit.


Indem uns die Fantasy genau wie das Märchen in unsere eigene, tiefe Vorstellungswelt entführt, in der wir die schrecklichen Kreaturen mit aller Macht und manchmal trotz hoffnungsloser Unterlegenheit bekämpfen und in den allermeisten Fällen auch besiegen, entwickelt sie sich zu einem Spiegel unserer Seele und zu einem offenen Ventil für angestaute Gemütsregungen.
Nicht ohne Grund haben Fantasy-Romane einen so großen Zuspruch und nicht ohne Grund bergen Fantasy-Rollenspiele für viele eine ungeahnte Faszination. Sie sprechen den Drang an, sich gegen böse Bedrohungen von außen (welche auch immer) zu wehren.

Diese direkte Ansprache des Unterbewussten nutzt auch Terry Pratchett in seinen Scheibenwelt-Romanen. Er arbeitet aber nicht nur all die fantasy-typischen Muster auf und spult sie in immer gleicher Weise ab, wie man es von all diesen Tolkien-Kopierern kennt. Vielmehr durchwebt er seine Welt mit Persiflagen auf unsere "moderne" Gesellschaft und führt mit seinen überzeichneten Charakteren menschliches Streben und menschliche Schwächen in derart skurrile Gefilde, dass man angesichts dieser Verzeichnungen nicht anders kann, als jeden einzelnen Charakter, selbst den bösen, sympatisch zu finden. Man lacht über den Zauberer, der seit vierzig Jahren an der unsichtbaren Universität Zauberei studiert aber eigentlich gar nicht zaubern kann. Der Händler, der voller Überzeugung und Inbrunst verdorbene Hotdogs verkauft, amüsiert einen genauso wie der von Existenzkrisen geschüttelte, personifizierte Tod, dessen Enkelin von Zeit zu Zeit die "Geschäfte" übernehmen muss. Der Obdachlose, dessen Gestank ein Eigenleben entwickelt erinnert einen ebenso an die reale Welt, wie der geniale Künstler und Erfinder, der in seinem Labor sitzt und für den ebenso charismatischen wie despotischen Herrscher über den Stadtstaat Ankh-Morpork sowohl Nützliches, als auch Grausames erfindet.


In der "Geflickten Trommel", dem "Szenelokal" in Ankh-Morpork fliegen nicht nur regelmäßig die Fetzen beziehungsweise die Äxte, sondern man bekommt hier neben einem gut abgestandenen Bier und einer gepflegten Prügelei auch die Möglichkeit, den ersten Touristen der Scheibenwelt und seine goldgefüllte Truhe aus intelligentem Birnbaumholz kennenzulernen.


In Überwald leben Vampire, Werwölfe und jede Menge Zwerge, die unter der Erde nach Schätzen graben und deren Lieblingslied der zwergische Gassenhauer "Gold, Gold, Gold" ist und die Brot nicht nur zum Essen, sondern auch zum Kämpfen backen (zum Beispiel die gefürchteten Wurfbrötchen).

 

Dass man auch gegen seine Natur einen Beruf ausüben kann, der einem gefährlich wird, beweist unter anderem der Vampir, der als Fotograf bei einer Zeitung arbeitet und jedesmal bei einem Blitz zu Staub zerfällt. Zum Glück hat er immer eine Phiole Blut bei sich, die beim Herunterfallen in seinem Staub zerbricht und ihn wiederbelebt.


Die große und weit verzweigte Familie der Igors (alle heißen Igor - ohne Nachnamen - auch die weiblichen) bringt geborene Diener und geniale aber verkannte Ärzte hervor, eine Nachwuchshexe wird Königin, ein Hofnarr König. Golems, die nur durch aufgeschriebene Worte in ihrem Kopf zum Leben erwachen sind die unermüdlichen Arbeitsmaschinen dieser Welt, denen aber eine engagierte junge Frau den Sinn für Individualität beizubringen versucht. Ein skrupelloser Troll wird zum Mafiaboss, der nicht nur die Droge "Platte" an junge, unerfahrene Trolle verkauft, sondern auch jede andere Gelegenheit für illegale Geschäfte nutzt.


Selbst Drachen werden nicht nur in der allseits bekannten fantasy-typischen Art dargestellt. Natürlich streben die großen danach, auf einem Berg von Gold zu sitzen und alles zu verbrennen, was in ihre Nähe kommt. Aber die kleineren Sumpfdrachen werden von einer energischen, aber tiervernarrten Frau in einer Art Tierheim gehegt und gepflegt, solange sie klein sind. Sie benötigen die Hilfe von Außen zum Überleben, weil sie explodieren, wenn sie nicht das richtige Futter bekommen.


Die Hexen der Scheibenwelt werden im Gegensatz zur Realität nicht verbrannt, aber auch nicht, wie in den Märchen als böse Frauen dargestellt. Zwar werden sie gefürchtet, aber als heilkundige Helferinnen auch durchaus respektiert. Natürlich haben sie in einem begrenzten Rahmen auch Zauberkräfte, die sie aber niemals, wie zum Beispiel die ausschließlich männlichen Zauberer der unsichtbaren Universität, für zweifelhafte und gefährliche Experimente einsetzen.


Jede Figur, von dem in einen Orang Utan verzauberten Bibliothekar der unsichtbaren Universität bis zum immer etwas schlecht gelaunten Kommandeur der Stadtwache, vom genialen Musiker bis zum intriganten Erzkanzler der Universität, vom Schwarzen Mann, der unter dem Bett wohnt und Angst vor einer Decke hat bis zum unfähigen Assasinen, vom Chef der Diebesgilde bis zur Leiterin der "Näherinnen"(oh, oh, oh)-Unterkunft hat diesen schnodderig-süßen, aber überaus menschlichen Charme, der sich auch zwischen den Zeilen durch alle Pratchett-Bücher zieht. Man begegnet in den Straßen Ankh-Morporks und an den Ufern seines zähen, stinkenden Flusses nicht nur dem zwei Meter großen Zwerg Karotte, der eigentlich der legitime Thronfolger ist, der aber lieber in der Stadtwache Dienst tut, sondern auf Schritt und Tritt wird man von einem britischen Humor verfolgt, dessen Britischkeit so britisch ist, dass man meint, nicht auf der Scheibenwelt, sondern in der wohlbekannten Hauptstadt eines nicht all zu fernen Inselkönigreichs zu weilen.


Natürlich ist die Scheibenwelt eine Scheibe nach mittelalterlicher Vorstellung. Mit einer kleinen Sonne und einem noch kleineren Mond, die ihre Bahn um diese Scheibe herum drehen. Das Meer ergießt sich über den Rand hinaus in einem gigantischen Wasserfall in das Nichts, ohne leer zu laufen. Vier Elefanten tragen diese Scheibe und die Elefanten wiederum stehen auf dem Rücken einer gigantischen Schildkröte, die ihren Weg durch die Unendlichkeit des Alls nimmt.


Subtile Anspielungen in den Dialogen, aber auch in der Beschreibung von Orten und Situationen, wechseln sich ab mit wohldosierten Übertreibungen. Terry Pratchett versteht es in unnachahmlicher Weise, die Welt der Märchen, Sagen und Legenden mit mittelalterlichen Vorstellungen und einem kritischen Blick auf unsere Gegenwart zu vermengen und das Ganze in jeder Zeile mit einem hintersinnigen Humor zu würzen.


Gerade das macht mir immer und immer wieder Freude. Manche Bücher - und ich habe viele - lese ich gern ein zweites oder auch drittes Mal. Und ich entdecke immer wieder neue humoristische Spitzen.


Als mich vor jetzt fast 15 Jahren eine liebe Freundin auf  Terry Pratchett aufmerksam machte, hatte ich keine Ahnung, was das sein sollte. Inzwischen wohne ich fast schon selbst in Ankh-Morpork, kenne jeden Straßenzug und lasse mir keine Verfilmung entgehen, obwohl bisher keine wirklich den Humor dieses Großmeisters der humorvollen Fantasy adäquat umsetzen konnte.

In diesem Sinne.
Viel Spaß beim Lesen.

 

Weiterführende Links:

DiscWiki - Alles über die Scheibenwelt