Harley-Davidson XL 1200 Sportster Custom
Ich hatte Anfangs mit dem Gedanken gespielt, eine Harley-Davidson Street Bob zu kaufen und bin mal mit so einer Maschine Probe gefahren.
Ein paar Wochen nach den ersten Probefahrten mit der Street Bob - oder besser gesagt zwei - sitzt Du wieder zur Probefahrt auf einer Harley.
Wie Du festgestellt hast, sind die Knieschleifergene trotz fortgeschrittenen Alters und trotz dreijähriger Chopper-Experience immer noch nicht ganz verkümmert ("Mama, gib ma Bepanthen"). Die Vernunft sagt zwar was anderes, aber etwas sportlicher als auf so einem klassischen Easy Rider darf es dann doch zugehen. Kurven sollten schon auch noch Kurven sein dürfen.
Das Motorrad der Wahl sollte gut aussehen, ein bisschen was von einem Chopper haben, aber mit einem Radstand, bei dem man nicht gleich eine Tageskarte braucht, um von der Vorder- zur Hinterachse zu kommen. Die Maschine sollte in einem überschaubaren Tagesrahmen tourentauglich, aber nicht übermotorisiert und um Himmels Willen kein schwerfälliges Dickschiff mit Stereoanlage, Fernsehsessel und separatem Schlafzimmer sein. (Wohnmobile auf zwei Rädern sind einfach nur PEINLICH! ... da steige ich schon eher auf einen Großroller.)
Das Fahrzeug sollte jedoch auch nicht an zähem Asthma leiden. Das Ideal-Zweirad sollte sowohl im Stadtverkehr, als auch auf der Landstraße gut zu beherrschen sein und genug Durchzug für einen kurzen Autobahn-Sprint haben.
Die Neue sollte also ein ingenieurtechnisches Wunderwerk sein. Eine eierlegende Wollmilchsau, sozusagen.
Zunächst waren die einzigen Gefährte dieser Art im Bereich der Touren-oder Naked-Bikes zu finden. Ein Motorrad mit Charakter, dem "richtigen" Hubraum, einer ansprechenden Optik, einer Technik, die einigermaßen auf der Höhe der Zeit ist und mit einer gewissen Wertstabilität konnten mir nur die Amis aus Milwaukee bieten. Als dann das Preis- Leistungsverhältnis auch passte, war ich überzeugt .
MEINE Sporty!Die 1200er Sportster hatte also alles, was mich begeistern konnte. Allerdings sollte es nicht die "klassische" Sportster sein. Dieser deformierte "Peanut"-Tank hat mich immer schon abgestoßen. Der sieht aus, als hätte man den irgendwo auf dem Schrott von einer 125er geklaut, weil man gerade nichts anderes kriegen konnte. Designmäßig eine Katastrophe. (Ich darf das sagen. Ich bin Designer!)
Und ich bin ja auch ein bisschen ein Bobber-Freund. Die schmalen Fahrradreifen vorne bei den alten Sportster-Modellen waren auch nie wirklich mein Ding. Bei so einem Gesamtkonzept muss da doch ein fetter Schlappen drauf. Das hab ich schon vor 15 Jahren gesagt. - Aber auf mich hört ja keiner.
Bei der Steelfactory in Bochum hat mich dann das 2012er-Modell der Sportster Custom angelacht, als ich mich nach einer neuen Fahrmaschine umgesehen habe.
... endlich sind die Spätmerker auch auf den Trichter gekommen, die Karre zumindest annähernd nach wahrnehmungspsychologisch-ästhetischen Gesichtspunkten zu gestalten ohne die Fahrdynamik zu beeinflussen.
Tank mit mehr Volumen für das entspannte Cruisen, fetter Vorderreifen, und jede Menge Chrom, wie es sich für einen ordentlichen Chopper gehört. Nur das Heck ... da haben sie mal wieder geschludert. Aber irgendwann lernen die Amis auch noch, was in Europa als schön gilt.
... obwohl ...
Ich glaub ja, die machen das absichtlich.
Wenn die gleich ein perfektes Motorrad bauen würden, würde ja keiner mehr den ganzen Zubehör-Quatsch kaufen ... wie zufällig gibt es im Zubehör-Katalog für dieses Modell einen Austausch-Heckfender. Gechoppt versteht sich - mit diversem kostentreibenden Anbaumaterial ...
Das erste Probesitzen war angenehm. Der Schwerpunkt der Maschine war optimal. Und als sie dann rausgeschoben wurde und ich den Anlasserknopf drückte, da lief etwas durch meinen Steiß bis ins Kleinhirn und setzte sich dort fest. Mit dem Aufsitzen war ich plötzlich ein Harley!
Steißhypnose nenn ich das!
Die Maschine hat genau die Kraft, die ich als computerverdorbener 176 cm kleiner Bäuchling noch im Zaum halten kann. Die Sitzposition war entspannt, aber immer noch etwas zwischen cool und sportlich, so dass ich mir als lässig-träger Altrocker mit der Erinnerung an "schräge" Zeiten nicht deplatziert vorkam. Der Radstand ließ ein flotteres Kurvenrasieren zu und die Reaktion der Maschine auf die Bewegungen des rechten Handgelenks war so direkt, dass die Mundwinkel in Richtung Ohr wanderten. Dazu das Harley-typische Blubbern und Stampfen unter dem Hintern und der Blick von Kumpel Franz, der mir bewundernd nachsah, wie ich ein ums andere Mal statt auf den Steelfactory-Parkplatz einzubiegen noch eine und noch eine und noch eine Runde gedreht habe ... bis der Feierabend der Steelfactory-Kollegen endgültig überschritten war.
... Schwarz musste sie sein. Obwohl ich ja erst mit dem Gedanken gespielt habe, die rote Vorführmaschine zu nehmen. Aber dann nahm ich doch Abstand von der Hure, auf der schon Dutzende anderer herumgeritten waren. Neeneenee! Ich wollte, wenn schon denn schon, eine funkelniegelnagelneue Harley haben. Einmal im Leben - wann, wenn nicht jetzt? - Einer meiner Jugendträume sollte und durfte sich nur in völliger Perfektion manifestieren. Man lebt nur einmal!
Ich bestellte sie. Ohne wenn und aber.
Und nur für mich ... für mich ganz allein ... wurde also eine Harley Davidson XL 1200 Sportster Custom des Modelljahres 2012 im amerikanischen Milwaukee gebaut und nach Europa transportiert, damit ich ... nur ich ... mit genau diesem, nur für mich gebauten Exemplar die nächsten 20 bis 25 Jahre durch Europa cruisen kann ... bis ich ein alter, seniler Sack geworden bin, der nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.
BORN TO BE WILD!
Altersvorsorge?
Was braucht man mehr als ein warmes Bett, etwas Festnahrung, einen ruhigen Ort zum Entschlacken, warme Kleidung, ein paar Bier und ein Moped mit einem gefüllten Tank?
Olaf Manke - Bücher, Motorrad, Kunst und mehr
