Probefahrt auf America-nisch
Am morgen des 3. September 2011 trafen wir uns bei mir. Anton, Franz und ich. Wir wollten eine gemeinsame Ausfahrt unternehmen und dabei Antons neue Thunderbird 1600 in Rösrath abholen. Er würde seine Kawasaki VN 900 Custom dort lassen und mit dem schönen, neuen, silbernen Hubraum-Monster wieder zurück fahren.
Wir wuselten uns zunächst durchs Ruhrgebiet, um dann für das letzte Stück auf die Autobahn zu fahren ... wo wir prompt in einem Stau landeten. Logisch. Samstag morgen auf der Rheinschiene. Letztes Ferienwochenende. Hatten wir was anderes erwartet? Dennoch kamen wir zeitig genug an, damit Anton alle Formalitäten in Ruhe hinter sich bringen konnte.
Während dieser Zeit hatte ich die Gelegenheit, mit einer Triumph America mal eine kleine Runde ums Eck zu drehen.
Das Aufsitzen war irgendwie seltsam. Auf der America sitzt man anders, als auf der Speedmaster - soweit ich mich erinnern konnte. Der halbhohe, relativ weit ausladende Lenker drückt einen in eine ziemlich aufrechte Sitzposition. Die Fußrasten und dazugehörigen Hebel sind so angebracht, dass sie auch ein Mensch mit meinen Ausmaßen sicher bedienen kann. Und trotzdem kam ich mir irgendwie komisch und deplatziert auf dem kleinen Dampfer vor.
Das Handling war allerdings gut. Die Maschine konnte ich ohne größeren Kraftaufwand vom Ständer heben. Der Ständer saß jedoch an einer Stelle, wo ich ihn eigentlich nicht gesucht hatte. Na ja. Ich bin von meiner Widow ein wenig verwöhnt. Der Abstellhaken der Honda sitzt genau im Einzugsbereich meiner linken unteren Extremität, so dass er sich instinktiv ausklappen lässt. Für den der Triumph musste ich mich ein wenig strecken und verbiegen.
Dann der Druck auf den Knopf, mit dessen Betätigung jeder Motorradfahrer erst mal den Sound testet. Die America flötete ein paar Dezibel raus und der daneben stehende Franz meinte: "Hör doch mal. Hörst Du was?" Als ich verneinte, sagte er: "Eben." Der Motor sang außerdem in ähnlicher Weise wie mein Widow-Motor. Ich nenne meine Honda ja immer "meine kleine Sängerin". Dennoch blubbert meine Sängerin immer noch dumpfer, als die Triumph. Das waren aber auch schon die größten Minuspunkte.
Was dann kam, überraschte mich. Die Triumph-Ingenieure haben mit diesem Motorrad ein Formeisen geschaffen, das dermaßen leicht und butterweich zu fahren ist, wie ich noch kein anderes Fahrzeug auf zwei Rädern bewegt habe. Es sprach verzögerungs- und ruckelfrei auf jede Gasgriffdrehung an, reagierte über das sehr leicht zu schaltende Getriebe widerspruchslos auf meine Anforderungen und kam mit wohldosierten Bremsen ohne Kraftaufwand punktgenau zum Stehen. In dieser Hinsicht ist das Fahrzeug eine gelungene Ingenieurleistung.
Ich fuhr im Stadtverkehr, über unebene Straßen und auch mal raus ins kurvig-grüne Umland. Spaß hat es gemacht, so ein wohlbalanciertes, elastisch motorisiertes Fahrzeug mit schön abgestimmter Federung um die Kehren zu treiben. Ich hätte immer weiterfahren können. Allerdings hatte ich nur kurz Zeit, mir einen ersten Eindruck zu verschaffen.
Ich vergleiche ja immer mit meiner Widow. Und beim Handling schneidet die Triumph eindeutig besser ab. Kurven sind für die 850er kein Problem. Wo ich meine Widow mit Kraft dazu überreden muss, die Kehre überhaupt erst mal als solche zu akzeptieren und dann auch schön unten zu bleiben, da surrt die Triumph mit schöner Eigeninitiative völlig stressfrei durch. Das hat mich am Meisten beeindruckt.
Alles in allem hat mich das Teil mit seinen Fahreigenschaften beeindruckt.
Dennoch habe ich mich dann doch dafür entschieden, keine Triumph zu kaufen. Die 850 Kubikzentimeter sind mir dann doch zu wenig. Das wäre keine große Veränderung zu meiner Black Widow. Die Motoreigenschaften und das Ansprechverhalten liegen zu nahe beeinander. Wenn ich mir ein anders Motorrad kaufe, möchte ich - na? - klar! - mehr Hubraum.
Wenn die Firma Triumph sich irgendwann mal dazu entschließen sollte, ein Motorrad dieser Bauart im Bereich der 1100, 1200 oder vielleicht auch 1300 ccm zu bauen, bin ich sicher wieder für eine Probefahrt beim Händler. Der Sprung von 850 zu 1600 ccm ist mir jedoch einfach zu krass. Da muss es noch eine Zwischenstufe geben. Solange es die bei denen nicht gibt, muss ich leider passen.
Olaf Manke - Bücher, Motorrad, Kunst und mehr
